Beliebte Posts

Dienstag, 27. November 2012

Wie kommt´s?


Die anderen haben iPads, teure Schuhe, lesen Bücher. Oder haben LIDL-Tüten, trinken Bier, führen Selbstgespräche.
Krasser könnten die Gegensätze nicht sein. Zwischen iPad und LIDL-Tüte liegen nur Zentimeter, aber ein ganzer Schrank voll Geschichten. Bewegte Leben, die aktuell zum einen oder anderen Zustand geführt haben und vielleicht bald wieder eine ganz andere Richtung nehmen.

Wie kommt es, dass man desorientiert durch die Gegend fährt und mit sich selber redet über den Baron und die Krokodile? Bier, Wein, egal was, so scheint es, sind dabei. Die Kleidung riecht danach. Zigarillos für zwei Euro fünfundvierzig.

Wie kommt’s?

Und da das iPad in der Lederhülle. Die würdevoll heruntergezogenen Mundwinkel. Ein Anzug mit der Farbe von Erbrochenem und Scheiße. Die Krawatte: geschmacklos. Desinteresse im Blick, der in der Welt schweifen darf, auf der Suche nach dem nächsten bemitleidenswerten Objekt mit LIDL-Tüten und Zigarillos für zwei Euro fünfundvierzig.

Wie kommt’s?

Sonntag, 11. November 2012

On The Go 2


Nach dreizehn Stunden Reise mit demselben Start- wie Zielpunkt werden die effizient gepolsterten Sitze härter.
Farben werden nervig. Decke: grau; Wände: Eierschale; Sitze: blau; Boden: dunkelgrau. Der Innenarchitekt wurde bestimmt gut verwahrt.
Ich hoffe, in Karlsruhe gibt es ein gutes Klo.
Meine Beobachtungen gehen immer weiter. Die rechte Hand wird schwarz vor Tinte. Das Schreiben tut gut. Mein Geist bläht sich nicht mehr, sondern furzt sozusagen jeden Gedanken mit dem BIC aufs Papier. Wie viele rote S-Bahnen gibt es hier eigentlich?

Die Sonne habe ich das letzte Mal gesehen, als sie aufging. Jetzt geht sie unter und zeigt sich mir noch einmal. „Bis – hoffentlich – morgen!“

Jetzt scheine ich auch so einer zu werden. „So einer“, der immerzu kritzelt, mit irgendeinem Stift auf irgendeinem Block. Aber eigentlich kann ich das so nicht. Ich brauche meinen Stil. (Dachte ich jedenfalls.) Moleskine, LAMY, und auf geht’s zu den ganz großen Gedanken.
Aber die stehen jetzt kaum leserlich auf einem Brunnen-Block, mit einem BIC geschrieben.
Durchschnitt, nicht Besonderes. Doch geht’s um das Instrument? Ist es nicht der Mensch, auf den es ankommt?

„Was zählt, is auffem Platz!“

Vielleicht taugt ja einer von allen Sätzen dieses Tages dazu, dass sich jemand erinnert.
Aber dafür müsste ihn ja erstmal jemand lesen können.
Der Akku meines unheimlich smarten Phone hält mit Glück bis nach Hause.
Stift und Papier haben keinen Akku.
Zum Glück.

Letzter Zug. Alle Improvisationskünste waren umsonst. Ich bin nur länger gefahren. Saß eine halbe Stunde weniger am Bahnhof rum.
In dieser Zeit habe ich das Leben der Menschen beobachtet. Diese Menschen werde ich nie wieder sehen. Und wenn doch, wird es mir nicht auffallen. Ich könnte diese Menschen zufällig in Waltershofen oder Tokyo wiedersehen und würde es nicht merken, wobei dies doch eine fulminante Zufälligkeit wäre. 

Und wie man so sitzt und schreibt, träufelt ein Album nach dem andern ins Ohr. Ich merke es kaum, dass Songs an mich herankommen, die ich sonst wohl übersprungen hätte.

Meine Reise ist vorbei.

Eigentlich schade.  

Freitag, 2. November 2012

On The Go


Gießen
S-Bahn-Lokführer aus Frankfurt warten nicht gern. Dafür warte ich umso länger. Zehn Sekunden für ihn, zwei Stunden für mich.

Friedberg
Hier gibt es kein Gleis drei.
Ein Schreibblock kostet zwei Euro fünfundneunzig.

Ich arbeite mich Stück für Stück vorwärts. Ich weiß noch nicht, wie es in Frankfurt weitergeht. Mannheim wäre gut.

Wie wäre es mal mit „Frankfurt 21“?
Dann könnte man diese Brücken abreißen. Fortschritt, Infrastruktur, Wachstum – Wörter, die mit einer Farbe und zwei Materialien verbunden sind. Grau. In Form von Asphalt und Beton.

In Frankfurt ist die Luft im Zug besser als die auf dem Bahnsteig.

Es geht nach Mannheim und ich hoffe, dann nach Karlsruhe.

Keiner denkt mehr an Frankfurt, ist schließlich auch schon eine Dreiviertelstunde her.

Ich bin in Groß-Rohrheim und es nützt mir nichts. Groß-Rohrheim allerdings auch nicht.
Wir perlen aneinander ab.

Wie muss es sein, zwischen Mannheim und Frankfurt zu wohnen? Zwischen den beiden hässlichsten Orten, die mir als Bahnreisender bisher untergekommen sind? Wenn man mal in die Stadt will, hat man also immer die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Biblis – na und?

Vier Euro haben mich der Block und der Stift gekostet. Hätte ich ein iPad für siebenhundert Euro gekauft, würde ich es großartig finden, dass ich damit Reisenotizen machen kann. So finde ich die vier Euro einfach Wucher.

Ich fahre über eine endlose Insel, die in grauer Suppe schwimmt.
Kein Horizont – einfach graue Suppe.

Habe ich schlechte Laune? Nein.
Ich weiß, ich komme nicht an, wann ich ankommen will. Ich weiß nicht, wie es in Mannheim weitergeht, denn ein S-Bahn-Lokführer konnte nicht zehn Sekunden warten. Ich bin drei Kilometer durch Pohlheim gewandert, überall graue Suppe.
Es perlt an mir ab. Es ist okay.

Ich merke mir die Gleisnummern mit Rückennummern. Die Bahn nach Karlsruhe fährt bei Papiss Demba Cissé.
An Gleis neun liegen keine Schienen. Der Lautsprecher sagt: „Heute von Gleis acht“
Die Arbeiter tun mir leid. Morgen wieder von Gleis neun.

Wie lange dauert’s eigentlich nach Karlsruhe?

Egal.

Donnerstag, 19. Juli 2012

An jedem verdammten Samstag...

 
...schlenderst du durch die Innenstadt.
...gibst du dein Geld aus.
...regst du dich auf.
...regt man sich über dich auf.
...drängelt man sich an dir vorbei.
...drängelst du dich vorbei.

An jedem verdammten Samstag...

...trinkst du was im Cafe.
...isst du was bei McDonalds.
...betäubst du dein Gewissen.
...willst du etwas unbedingt haben.
...kannst du dir etwas nicht leisten…

...willst du nie wieder deinen Samstag so verbringen!

An jedem verdammten Samstag...

hast du die Wahl…

Donnerstag, 5. April 2012

Wurstmuffin - Im Spiegel

Sonntag, ich entspanne mich nochmal. Blättere durch die Prospekte aus dem Briefkasten, Edeka verscherbelt wieder massig SUPER-KNÜLLER. Und dann haben wir unser erstes Treffen, der Wurstmuffin und ich.
WÄH! Leute, was ist denn hier los? Wir quetschen klein gehäckseltes Flei... WAS AUCH IMMER in eine Muffinform aus Alu und nennen das WURSTMUFFIN!? WIE BITTE?
Ich mein, okay. Jeder, der das isst, sieht irgendwann aus wie ein Wurstmuffin mit Haaren, wird im Gichtanfall noch schimpfen, dass der Schweinebauch für 33 Cent das Kilo zäh ist – dürfte also eh nicht zur geistigen Elite gehören. Aber wie mental verrottet (sorry, Malmsheimer) muss mensch sein, um solchen Dreck zu verkaufen? Antibiotika-Huhn aus Italien, Fleischkäse-Cordon-Bleu, und der nächste Streich folgt sogleich!
Doch kann man so was wirklich wollen? So lange schlingen und den Kopf ausschalten, Artikel ignorieren über Tierquälerei, Medikamentencocktails in der Hühnerbrust und Kackbakterien – tschuldigung, Escherichia coli –, die zuerst mal auf dem Grill weggebrannt werden müssen?
Ich kann das alles nicht ignorieren. Ich habe eine Brille, ich muss sehen, was in dieser Welt vor sich geht. Und wenn, dann genieße ich lieber ein faires Steak, von Tieren, die wenigstens ein gutes Leben hatten. Es ist seltener geworden, aber dafür besser.
Dann werde ich auch keine Angst haben müssen vor einem Wurstmuffin-Gesicht im Spiegel...

Sonntag, 25. März 2012

Smart - aber nicht gläsern

Ich gebe es zu, ich habe ein Smartphone! Und ich gebe es zu, ich finde es toll!
Ja, ich bin ständig erreichbar! Und ich habe aufgehört zu zählen, auf wie viele Arten ich erreichbar bin.
Ich beantworte Mails, nehme Fotos auf, höre Musik, plane Termine, verlagere mein Leben in dieses Gerät und lasse es verwalten.

Warum ich das sage? Weil ich immer wieder höre, dass es doch eigentlich schlimm sei, ständig online zu sein, immer erreichbar zu sein.
Aber ich sage: Nein! Es ist nicht schlimm! Es ist genauer gesagt, nur so schlimm, wie man es selber dazu macht.
Ich finde es praktisch, dass ich mich unterstützen lasse, wenn ich schon unterwegs bin, meine Pflichten erfülle, an vieles denken muss.. Ich lasse mir sagen „HEUTE: Räuchertofu kaufen“, empfange Mails für meinen Nebenjob und trage die Termine gleich ein (und lasse mich auch an sie erinnern).
Der Trick dabei ist, die Grenze zu kennen.

„Smart, aber nicht gläsern“ will ich sie nennen, und bei „gläsern“ wird sie überschritten.
Durchsichtig macht man sich zum Beispiel, wenn man online ist, um anderen mitzuteilen, was man macht, egal was, egal wann, egal ob es die Empfänger interessiert.

Leider muss man sich aber gläsern machen, wenn man die diversen Vorzüge nutzen will. Man muss sich entscheiden, vor welchem Weltkonzern man die Hosen runterlässt.
Apple, Google und nun auch Microsoft legen die Daumenschrauben an, wenn man smart sein will. Alter, Geschlecht, Musikgeschmack und anderes wird mehr oder weniger direkt erfragt, und man kann mit keiner Logik der Welt vorhersehen, was damit passiert.

Leider stirbt das Smartphone ohne Charakterscan aus. Ich habe noch eins bekommen, aber es wollte auch niemand anderes es wirklich haben.
Um mein Leben smart zu machen, musste ich nur meine Mailadresse und meine Handynummer verraten.

Ich möchte eigentlich, dass es auf keinen Fall mehr sein darf.

In diesem Sinne: macht euch nicht gläsern!

Mittwoch, 4. Januar 2012

Kein Gesicht, keine Gestalt


Die Straßenbahn steht bereit. Ich müsste nur einsteigen, drücke auf den Knopf, doch die Tür öffnet sich nicht. Die Bahn fährt ab.
Egal, ich gehe ein Stück, bis zu einer der nächsten Haltestellen. Links von mir Geschäfte, Bäckereien, rechts ein Supermarkt. Je weiter ich gehe, desto näher kommt der Bahnhof. Ich gehe noch einen Umweg, habe jetzt ein wenig Zeit.

Ich gehe auf den Bahnhof zu, die Menschen um mich gehen schneller, beginnen zu laufen, zu rennen. Sie scheinen Angst zu haben, ich verstehe nicht warum.
Schüsse. Jetzt verstehe ich. Ich habe Angst. Menschen gehen zu Boden, ich suche Deckung, Schutz. Immer wieder wird geschossen, die Menschen schreien, ich bin mittendrin, um mich eine Traube Menschen, die flüchten.
Ich sehe nicht, woher das kommt, vor dem ich flüchte; sehe nicht, wer schießt.

Endlich. Ich komme zur Haltestelle, warte kurz, immer noch laufen die Menschen ängstlich umher, das Grauen hat immer noch kein Gesicht, keine Gestalt.
Nun kann ich in die Bahn steigen, nur weg, weg aus der Stadt. Ich wohne in einem Vorort, dort bin ich sicher, nur weg aus der Stadt.
Ich setze mich, nehme mein Handy, bin nervös, schaffe es nicht, in die Nachrichten zu schauen: Ob die Welt schon weiß, was hier passiert; dass etwas passiert ist. Sie weiß es noch nicht.

Ich steige um in den Bus, er bringt mich heim. Ich sitze drin, der Fahrer schaut starr nach vorn, durch die Scheibe, es vergeht zu viel Zeit. Warum fährt er nicht los? Ich will hier weg, endlich weg! Ich werde nervös.
Schüsse. Menschen flüchten. Der Bus steht, fährt nicht los.

Ich wache auf.